REISEBERICHT IZMIR

Tag 1:

Istanbul: 4:30. Kalte Dusche. Letztes Mal Equipment kontrollieren, Ausweis, Führerschein, Kreditkarte. Alles da. Noch einen heißen Tee vom uralten Teeverkäufer am kalten dunklen Taksim. Atatürk Airport Domestic Terminal: Check-in reibungslos. Flug reibungslos. Kurz geschlafen, schon gelandet. Izmir: Sonne, milde Temperaturen. Ein schöner Tag. Großer Mietwagen. 2,5 Stunden Road-Trip nach Norden. Parallel zu Lesbos. Europa. Ganz nah. Zwei Polizeikontrollen. Jagd auf Flüchtliche. Frontex lässt grüßen. Ayvalik, schöne Stadt. Alt. Enge Gassen. Griechischer Flair. Billige, gemütliche Pension. Einziger Gast. Sehr zu empfehlen! Netter Host. Check-in auf der Terrasse. Schneller Kaffee. Plausch über Refugees, Europa, Dunkeldeutschland, hasserfüllte Menschen. Tipps für passende Orte für mein Projekt. Ins Auto gesprungen. Hingefahren. Cunda Island. Wilde steinige Küste. Blick auf Lesbos. Verfallene Häuser. Wind. Nein, Sturm! Kleine Lager. Wasserflaschen. Planen. Schwimmreifen. Erster Film. LKW Reifen. Babywindeln. Medikamente. Kindersocken. Zweiter Film. Tränen. Erstmal setzen. Sonnenuntergang. Ruhiger werden. Wieder nach Hause. Facebook. E-Mail. Kontostand. Einkaufen. Was essen. Gedanken in Worte fassen. Schlafen. Morgen um vier wieder raus. Weiter machen…

Tag 2:

Der Muezzin ruft. Mich nicht. Trotzdem aufstehen. Keine Dusche. Schnelles Frühstück. Zum Spot von gestern. Weiter rumlaufen. Fünf Camps finden. Verlassen. Drei aufgeschlitzte Schlauchboote. Wieso? Klamotten. Viele! Teilweise noch ordentlich gefaltet. Kinderspielzeug. Babynahrung. Medikamente. Mützen. Wieder Kinderkleidung. Malbücher. Brot. Energyriegel. Pumpen. Handyhüllen. Flugtickets. Beirut - Istanbul. Zweieinhalb Wochen alt. Und Wasserflaschen. Unzählige leere Wasserflaschen. Nur ahnen können wie viele Menschen hier waren. Dann ein Jeep. Drei Typen. Bloß kein Blickkontakt. „Hey, Photo of car - problem! No photo of car - no problem!“. Schmuggler? Egal. Erstmal geordneter Rückzug. Das war beängstigend. Zwei Stunden später trotzdem wieder hin. Plötzlich Grenzschutz. Laut auf türkisch brüllend. Bewaffnet. Aggressive Gesichter. Dann englisch. Sie: „You boss?!“. „Ich: Photograph! Camera!“. Auto durchsuchen. Telefon durchsuchen. Sie, schreiend: „GO!, GO!“. Dann ein Gruppe Geflüchteter. Männer. Frauen. Kinder. Ängstliche Gesichter. Zusammengetrieben. Abgeführt. Wieder Grenzschutz: „No photos, no photos!!“. Weiter gefahren. Nach 500 Meter wenden. Durchatmen. Kamera auf Stativ im Auto verstecken. Heimlich filmend zurückgefahren. Weitergefahren. Richtung nach Hause. Ich habe Glück und kann das sagen. „Nach Hause“. Die Verhafteten nicht. Ich wünschte es ihnen. Bin noch benommen. Plötzlich Schulkinder. Hand raushaltend. Großes Auto. Also anhalten. Plötzlich zu siebent im Auto. Zusammen laut lachen. Leid und Freude so nah beieinander. Zum Supermarkt. Raki! Betrinken. Morgigen Tag planen. Bloß wie? Durchatmen. It's serious! Danke, dass ihr mir das möglich macht! Fuck borders. Fuck Frontex.

Tag 3:

Kopfschmerzen. Raki. Länger schlafen. Wundervoller Tag. Ruhe. Sonne. Terrasse. Frühstück. Reden mit dem Host. Stories über Ayvalik. Migration. Türkei. Griechenland. Mit Kontakt in Izmir schreiben. Heute kein Treffen. Trotzdem Sachen packen. Verabschieden. Versprechen wieder zu kommen. Auf nach Dikili. Ganz nah an Lesbos. Steile, steinige Küste. Abgelegen. Olivenplantagen. Einsame Arbeiter. Skeptische Blicke. Camp finden. Wieder Kleidung. Wieder Wasserflaschen. Feuerstellen. Wieder Pumpen. Überbleibsel. Angespülte Schläuche von LKW Reifen. Schritte hinter mir. Ich grüße freundlich. Wieder skeptische Blicke. Werde ich beobachtet? Wieder Rückzug. Sowieso Zeit zu fahren. Road-Trip back to Izmir. Wunderschöner Sonnenuntergang. Mietwagen zurückgeben. Jetzt warten. Schreiben. Tausend Dinge im Kopf. Noch mehr Eindrücke! Die Filme immer am Körper! Ich komme wieder!

No Border! Nowhere!